Wie weit muss/soll Corporate Twittering gehen???

Nach einem PRVS Steiermark Talk mit Christian Ammer zur Social Media Strategie von wien energie und energieleben schreibt schneeengel zurecht über Corporate Twitter und die Grenzen des persönlichen Einsatzes dafür: Wann fängt der Feierabend für diejenigen an, die sich um den Twitter-Account kümmern? Erst um ein Uhr Nachts? Oder schon um neun Uhr Abends? Er hat recht, der schneeengel, mit dieser Frage. Denn wenn ein Unternehmen wirklich anfängt zu twittern, sind damit unbedingte Regeln verbunden. Anstandsregeln persönlicher Kommunikation, die das Medium Twitter = das schnellste Kommunikationstool derzeit — siehe die Tiger Woods Story und Twitter z.B. hier, hier und bei Klaus Eck — noch weitaus unbedingter einfordert, als jede persönliche Kommunikation es (aus Gründen der Höflichkeit) könnte.

Was mich als PR-Mensch darüber hinaus interessiert: Wenn ich mich als Unternehmen dazu entscheide, zu twittern, muss ich etwas zu sagen haben und kommunizieren wollen. Und zwar mit einer Zielgruppe, die sich im Falle der wien energie von meinen Kunden doch wesentlich unterscheidet. Ich würde fast sagen: Wenn ich als wien energie twittere, rede ich mit einzelnen, nicht mit meinen Kunden oder einer Teilmenge davon. Das muss mir klar sein. Mit allen Konsequenzen. Diese einzelnen mögen Entscheider sein, nach allem, was man über Twitter-Nutzer weiß – aus PR-Sicht sind sie in Nicht-Krisen-Zeiten vor allem Individuen, die nicht nur hören wollen, sondern tatsächlich mit dem Unternehmen reden wollen könnten. Das heißt also auch: Wenn wien energie, wie Christian Ammer in seinen Bemerkungen zur kommunikativen Vorbereitung auf die Wien Wahlen nahe legte, den Twitter-Account auch darum pflegt, weil die vielen Twitter-Follower rasche Krisenkommunikation im Falle des Falles ermöglichen, dann zieht diese strategische Entscheidung Konsequenzen nach sich in vorher nicht gekanntem Ausmaß: Zielgruppen sind – schon allein an diesem Beispiel dargestellt – nicht mehr homogene Gruppen, sondern einzelne Individuen mit ungleich schwieriger auszumalenden Interessen, Werten, Einstellungen.

Die Konsequenzen für Planung, Strategie und Ziele der PR-Arbeit haben gestandene PR-Profis noch viel zu wenig bedacht.

Zur Haltung von Journalisten und PR-Leuten

Vormittlerweile ein paar Wochen thematisierte Heinz in seinem Blog die journalistische Haltung, in Referenz auf Christiane Schulzki-Haddouti. Die bringt die Frage nach der Haltung von Journalisten in Verbindung mit deren Abgrenzung von PR-Leuten, wo es doch heute auch Ausbildungsstätten für beide Berufsgruppen im selben Studiengang/Studium gibt. Auch ich arbeite an so einem.

Daher gehe ich jetzt noch einmal zu dem von Heinz, von Christiane Schulzki-Haddouti und von Jeff Darvis diskutierten Kompetenzprofil zurück und ich tue das aus der Perspektive der Public Relations – denn auffallend ist, die hier genannten Kompetenzen treffen tatsächlich auf beide Berufsgruppen zu:

Christiane Schulzki-Haddouti schreibt:

Die fünf Kernkompetenzen sind folgende:

  1. Recherche und Monitoring;
  2. Die Erschließung und einfache Darstellung komplexer Zusammenhänge;
  3. Trends erkennen und verständlich visualisieren, kontextualisieren, vertonen, vertexten;
  4. Dialog und Moderation: Einen Diskurs, einen Dialog zwischen verschiedene Interessensgruppen anregen und moderieren;
  5. Aufmerksamkeit generieren, Publizität herstellen, Veröffentlichungsprozesse beherrschen.

Dass Journalismus ohne “Haltung” überhaupt nicht möglich ist, zeigt ein einfacher Vergleich von journalistischer und auf Public Relations ausgerichteter Arbeit. Beide greifen auf die fünf Kernkompetenzen gleichermaßen zurück. Es besteht überhaupt kein Unterschied. Gleichwohl müssen sich beide voneinander abgrenzen. Denn sonst ginge das Vertrauen der Rezipienten verloren. Und für diese Abgrenzung ist einzig und allein “Haltung” erforderlich.

Ich stimme der Diagnose vorbehaltlos zu, gehe aber in Bezug auf die Haltung noch ein bisschen weiter:

In der PR-Ethik sprechen wir von vier Verantwortlichkeiten, denen PR-Leute verpflichtet sind: der Verantwortung gegenüber dem Auftraggeber oder Dienstgeber, der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, der Verantwortung gegenüber der Profession und, last but not least, der Verantwortung gegenüber sich selbst. Am schönsten, weil an der Praxis orientiert, ist das in dem Reader, den Patricia J. Parsons bei CIPR herausgebracht hat, zusammengefasst:

PR_Ethics“Clearly, then, as a public relations practitioner, you have duties to yourself, your employer or client, your profession and to society as a whole. Juggling these duties can be a full-time job when trying to practise PR in an ethical manner”. Sie illustriert dieses Bild mit einem Jongleur, der versucht, vier unterschiedlich geformte Gegenstände im Gleichgewicht zu halten.

Was ich damit sagen will: Beides, sowohl das was Journalisten tun, als auch das was PR-Leute tun, hängt ganz wesentlich von ihrer Haltung ab. Beiden können heute, scheint es, ganz, ganz leicht ganz ohne Haltung überleben – in dem Fall interessiert mich aber weder, was ein solcher Journalist, noch ein solcher PR-Mensch tut. Warum so viele Leute ohne Haltung so großen Einfluss haben, ist eine andere Diskussion.

Die Haltung eines Journalisten unterscheided sich in meinem Verständnis von der Haltung eines PR-Menschen in der Gewichtung dieser vier Verantwortlichkeiten: Von einem Journalisten erwarte ich wesentlich größere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Dazu sollte er all sein Wissen, seine Fähigkeiten und sein Können einsetzen. Gerade an einem Studiengang wie dem meinen wird das, wie von Christiane Schulzki-Haddouti gefordert, direkt in einem ethischen Zusammenhang thematisiert. Diese Unterschiede gehören sicher noch viel besser herausgearbeitet. Denn das überlappende bis gleiche Kompetenzprofil lässt viel zu schnelle, einfache Schlüsse zu. Ich würde mich freuen, eine solche Diskussion weiter zu führen.

links and backlinks – pingbacks and share

Für Medien empfehlenswert:

Was Markus Zottler auf Facebook so postete,

Media Equation 2

erscheint im eigentlichen Artikel als kleiner share-button, der es erlaubt, mit einem Klick auf unterschiedlichen Social Networks einen Hinweis auf den Artikel zu posten, mit einem vom Medium vorgegebenen Excerpt-Text – dieser macht nach allen Regeln der Kunst auf den Artikel neugierig – das allein wäre ja noch nicht aufregend.

Aber beim nächsten, der das macht, erscheint auch ein anderes Imagefoto für den gleichen Artikel. Könnte ja sein, dass in einer Gruppe mehrmals auf den gleichen Artikel verlinkt wird.

Das nenne ich strategisch gedacht.