Lernen als sozialer Prozess

“Lernen ist ein sozialer Prozess, und je mehr man miteinander kommuniziert, desto höhere Lerneffekte hat man. Bisher war dies durch die zeitversetzte Reaktion immer schwierig”, meint Ebner.

Das ist ein Zitat aus dem futurezone-Artikel über google wave, bei dem auch Martin Ebner (der auch in seinem e-learning Blog auf den Artikel verweist) als Experte für eLearning an der TU Graz interviewt wurde.

Prinzipiell schließe ich mich dieser Überzeugung an. In Verbindung mit einer heutigen Lehrerfahrung stellen sich mir allerdings einige Fragen:

  • Die Vorteile des sozialen Lernens mittels moderner kommunikationstechnologischer Tools möglichst gut auszunützen, bedeutet viel mehr als ein Umdenken in der Präsentation der Lehrinhalte. Dieses Umdenken steht ganz am Anfang, sicher, ist aber auch ohne Technologie ein Attribut des erfolgreichen Lehrers: Es beginnt damit, frontalen Vortrag in Diskussionen und Fragerunden aufzubrechen und dementsprechend aufzubauen.
  • Die Nutzung von Twitter und Social Networks in Lehrveranstaltungen, das heißt mit vorgegebenen Gruppen von Studierenden, bedarf darüber hinaus weit größerer und zeitaufwändigerer Vorbereitungen: Als Lehrender habe ich dafür Sorge zu tragen, dass die Studierenden, und zwar alle Studierenden, Zugang zu der oder den genutzten Kommunikationsplattformen haben und tatsächlich ihre jeweils individuellen Erfahrungen mit den Lehrinhalten darauf möglichst unkompliziert posten können. Diese Beiträge können eigene Bemerkungen, externe Links und multimediale Inhalte sein. All das sollte auch möglichst unkompliziert anzuwenden sein.
  • Die unkomplizierte Anwendung ist deswegen unbedingt erforderlich, weil sich eine LV in der Regel ja auch dadurch auszeichnet, dass Studierende mit neuen Sach- und Fachinhalten, neuen Theorien oder Theoriebausteinen, neuer Literatur usw. vertraut gemacht werden. Ihre Aufmerksamkeit sollte daher beim Thema, nicht bei der Kollaboration oder der Umsetzung dieser liegen.

Angesichts solcher Vorgaben frage ich mich, welche der Echtzeit-Kommunikationsplattformen am geeignetsten für die Simultan-Kollaboration in einer LV sind – und welche Voraussetzungen ein Lehrender dafür schaffen kann.

Kopieren statt studieren

Heute habe ich die Idee des Workshops am Didaktiktag bei uns weitergedacht (siehe dazu früheren Blogeintrag) und dazu auch einen Blogeintrag im Lernland der TU Graz verfasst (für einen eLearning-Kurs bei Martin Ebner).

Was mich dabei gerade umtreibt, ist eine radikale Sichtweise:

Copy & Paste Didaktik gehört zum neuen Lehren genauso wie eLearning, davon gehe ich aus.

Ich folgere aus diesen Prämissen, dass sowohl Studierende als auch Lehrende angehalten sind, mit diesen Gegebenheiten umgehen zu lernen und sie in weiterer Folge kompetent einzusetzen. Zusätzlich zu fachspezifischen Grundlagentexten, die gekonntes Lesen erfordern, und Grundlagenfertigkeiten, die Übung auch und vor allem abseits des Copy & Paste oder eLearning erfordern.

Kommunikationsstudierende wie -lehrende haben es einfacher oder schwerer als andere: In ihrem Fall überlappt sich Fachspezifisches mit eLearning und Social Media. Da fällt gegenüber anderen Disziplinen vielleicht mengenmäßig etwas weg. Dafür ist die Versuchung viel größer, vollständig ins Copy & Paste zu verfallen, weil man ja schließlich alles, was irgendjemand schon mal gesagt und geschrieben hätte, im Internet finden könnte.

Das ist meiner Meinung nach ein Trugschluss. Bücher zu lesen und sich anhand der dort zu findenden durchgedachten und in sich stimmigen Gedankenwelten von Leuten, die sich Zeit dafür nahmen und nehmen, selbst Orientierung zu verschaffen, um dann von dort aus wieder weiter zu denken; mal ein theoretisches Gedankengebäude in seiner Tiefe zu durchschauen, um dann mit Teilen daraus etwas Neues, Anderes zu schaffen; oder auch vielleicht einfach mal über eine in büchern erschaffene Welt zu staunen – diese alte, jahrhunderte alte studentische Praxis macht das Studieren mindestens ebenso aus wie die neuen Prinzipien. Auch darauf sollten sich Lehrende und Studierende einstellen.